Neues zum Thema Nachtzüge

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Neues zum Thema Nachtzüge
Joachim Holstein
06.10.2021

Liebe Freundinnen und Freunde der Nacht- und Autoreisezüge,

wenn der »Connecting Europe Express« (https://www.connectingeuropeexpress.eu) am 7. Oktober in Paris angekommen ist, wird er 20.000 km durch 26 europäische Länder zurückgelegt haben. Genau genommen waren es drei Züge: in Portugal und Spanien startete ein Zug mit iberischer Breitspur; im Baltikum fuhr ein Zug mit russischer Breitspur zum Treffen mit dem Normalspur-Zug, der den Löwenanteil der Strecke zurücklegte.
Mit dabei: ein Schlafwagen der ÖBB.
Mitglieder von »Back on Track« waren in Kopenhagen mit dabei, und bei der Ankunft in Paris gehört »Oui au train de nuit« zum Empfangskomitee.
Hier einige Stellungnahmen und Pressestimmen:
PRO BAHN macht zu Recht auf den Mangel an europaweit einsetzbarem Rohmaterial aufmerksam:
Am 16. September fand ein einstündiges Webinar zu einem europäischen »Rail Pass« statt; dazu sind Text und Video abrufbar:
Im Untertitel zum Video stellte die »European Union Agency for Railways« die Frage:
Haben Sie schon einmal versucht, für eine Reise durch verschiedene europäische Länder ein einziges Zugticket zu kaufen? Wahrscheinlich nicht. Und selbst wenn Sie es versucht hätten, hätten Sie festgestellt, dass es viel einfacher ist, einen Flug zwischen zwei europäischen Hauptstädten zu buchen als dieselbe Reise mit dem Zug.
 
Ich muss sagen: Ich habe das schon getan. Und Millionen andere Europäer auch – und zwar vor der sogenannten »Liberalisierung« des Eisenbahnmarktes. Man ging einfach zum Bahnhof oder in eines der vielen Reisebüros, die Eisenbahnfahrkarten verkauften, und sagte »Einmal von A nach B, 2. Klasse«. In den Kursbüchern der Deutschen Bahn konnte man sogar nachlesen, was die Fahrt von großen deutschen Bahnhöfen in verschiedene europäische Metropolen kostete! Bett- und Liegekarten kosteten natürlich extra, aber das erledigte der Mensch hinter dem Schalter in wenigen Minuten. Da gab es kein »Preisauskunft nicht möglich«, kein »das können Sie nur bei der ausländischen Bahn kaufen« oder ähnliche schlechte Scherze.
Aber dank der famosen »Liberalisierung«, die in Wirklichkeit eine Zersplitterung und Zerstörung war und ist, muss jetzt buchstäblich das Rad neu erfunden werden.
Die für den 13. Dezember angekündigte Wiedereinführung des Nachtzuges von Wien über München und Karlsruhe nach Paris fand in der Presse ein großes Echo. Offenbar gehört so ein Zug nicht nur zum kulturellen Erbe (bis 2007 hieß der Nachtzug Paris-Wien »Orient-Express«!), sondern auch zur klimafreundlichen Zukunft Europas.
Und so schmückt sich die DB mit fremden Federn:
Während die DB über »Schlafkojen« in S-Bahnen nachdenkt, schickt Österreich die ersten neue Nightjet-Wagen auf Testfahrt und renoviert Liegewagen:
Was ist ein überhaupt ein Nachtzug? Die DB präsentierte am 7. Oktober 2016 – fünf Jahre ist das jetzt her! – in der österreichischen Botschaft in Berlin »zusätzliche ICE« als ihren Beitrag zum Nachtzugverkehr. Der Kolumnist der »Wirtschaftswoche« hat jetzt sehr anschaulich geschildert, dass so ein nächtlicher ICE alles mögliche ist, aber KEIN Nachtzug:
Er weiß, wie ein echter Nachtzug aussieht – lesen Sie hier, was er im Dezember 2020 von seiner Reise im ÖBB-Nightjet berichtete:
Auf meiner 600-Kilometer-Weihnachtszugreise durch ganz Deutschland über insgesamt fast zehn Stunden mit Wartezeit war ich in Lounge und Jet zusammengenommen insgesamt drei Menschen für jeweils rund zehn Sekunden auf zwei Meter nah gekommen. Mit FFP2. Diesen Vorzug des Nachtzugs in Pandemiezeiten konnte damals natürlich wirklich keiner ahnen, als man den CityNightLine und längst davor den InterCityNight aus dem Fahrplan geschmissen hat.
 
Die Firma Train4You (Markenname: »UrlaubsExpress«) führt 2022 nach dem Erfolg ihres Zuges Basel-Binz einen zweiten Zug auf die Insel Rügen ein – von München aus:
Muss man unbedingt von Hamburg nach Düsseldorf oder von Köln nach München fliegen? Das fragen sich immer mehr Menschen – und siehe da: die Zahl der Inlandsflüge geht in Deutschland zurück:
Der noch amtierende Verkehrsminister der Bundesrepublik Deutschland, der einer Regionalpartei angehört, wird von seinen Parteifreunden dafür gelobt, besonders viel Steuergeld aller Bundesbürger in sein heimatliches Bundesland gelenkt zu haben. Und das vor allem für den Straßenbau:
Rund um den Termin der Bundestagswahl am 26. September wurde einiges über Verkehrskonzepte der deutschen Parteien berichtet:
Der folgende Artikel, der einen Tag vor der Bundestagswahl erschien, verdient einige Anmerkung wegen seiner verzerrenden Darstellung:
* Nur bei der Linkspartei wird der – übrigens nicht zutreffende – Satz eingefügt, die Partei habe kein Finanzierungskonzept. Ob die anderen Parteien eines haben, wird nicht erwähnt.
* Der Satz »Wie die CDU fordert auch die Linke mehr Nachtzüge« ist angesichts der Historie eine Dreistigkeit. Angemessen wäre gewesen zu schreiben: »Die Linke hat, genau wie die Grünen, schon mehr Nachtzüge gefordert, als CDU, FDP und SPD sie als altmodisch abgelehnt haben.«
* Und bei den Grünen wird weggelassen, was bei der FDP erwähnt wird: nämlich die Absicht, den DB-Konzern zu zerschlagen.
Zum Thema journalistische Qualität ist hier gleich das nächste Juwel: auf »Tagesschau.de« ist dank des oben verlinkten Artikels über die »Renaissance der Nachtzüge« ein Artikel vom Januar 2020 wieder online, dessen geradezu geschäftsschädigende Falschbehauptungen trotz mehrerer Korrekturhinweise und Proteste unverändert sind:
Museumsreife Schlafwagen und ausgelegene Pritschen
Ihre rund 40 Jahre alten Schlaf- und Liegewagen vermachte sie den ÖBB, weil sie mit ihnen Millionenverluste einfuhr. 
Wie oft muss man eigentlich einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt noch mitteilen, dass die Schlafwagen, die 2016 von der DB an die ÖBB verkauft wurden, gerade mal 10 bis 13 Jahre alt waren?
Mögen auch Sie die Redaktion auf den sachlichen Fehler aufmerksam machen und dagegen protestieren, dass er nach fast zwei Jahren noch online ist? Vielleicht können Sie ja auch von Ihnen eigenen Reiseerfahrungen berichten?
Übrigens: die DB hält das Konzept TEE 2.0 für »weitgehend realisiert«. Ich weiß ja nicht, was die rauchen, aber …
Praktisch alle Linien des Personenfernverkehrsnetzes „Trans Europe Express 2.0“ sind in Teilabschnitten in Betrieb. Dies teilt die Bundesregierung der Bundestagsfraktion „Bündnis 90/Die Grünen“ auf eine Kleine Anfrage hin mit. 
Aber lesen und staunen Sie selbst:
Die Antworten auf einige Fragen wurden …
… als Verschlusssache „VS – Vertraulich“ eingestuft und der Geheimschutzstelle des Deutschen Bundestages übermittelt. Die Antwort der Bundesregierung ist in der Geheimschutzstelle des Deutschen Bundestages hinterlegt und kann dort nach Maßgabe der Geheimschutzordnung des Deutschen Bundestages eingesehen werden.
Ihre Bundestagsabgeordneten können nun also zwar wissen, welche Leistungen die DB für die ÖBB erbringt und was sie dafür kassiert, aber sie dürfen das nicht verwenden – nicht einmal in einer Bundestagsdebatte, bei der es um die Frage geht, ob die DB den internationalen Schienenverkehr fördert oder behindert!
Inzwischen hat Frankreich bei Nachtzügen wieder Anschluss gefunden – 2020 wurde als Antwort auf die Covid-19-Pandemie ein 100 Milliarden Euro umfassendes Konjunkturpaket namens »France relance« beschlossen:
In dessen Rahmen wird ein rundes Dutzend Nachtzuglinien wiederbelebt – das fällt nicht nur in den Bereich »Ökologie«, sondern auch in den Bereich »Kohäsion«, nämlich um Regionen verkehrstechnisch nicht im Abseits zu lassen, sofern dort kein Hochgeschwindigkeitszug verkehrt:
In die Bahn zu investieren, heißt in die Zukunft zu investieren
„Wir stellen wieder her, wir nehmen heute Abend Dinge wieder auf, die wir vielleicht ein wenig zu schnell geopfert haben. Die Worte stammen von Premierminister Jean Castex. Sie wurden am 20. Mai 2021 im Bahnhof Austerlitz anlässlich der Einweihung des Nachtzugs zwischen Paris und Nizza gesprochen.
So einen Satz würden wir sicherlich gerne 2022 vom neuen deutschen Bundeskanzler hören. Aber hierzulande baut man lieber eine Autobahn mitten in Berlin – für 100 Millionen Euro pro Kilometer.
Weitere Informationen zu Frankreich auf der Grundlage eines Berichts von »Oui au train de nuit«:
Die ersten renovierten Liegewagen kommen nach und nach auf den französischen Strecken an, bis 2023 werden alle Strecken über renovierte Wagen verfügen, mit Internet, individuellen Steckdosen usw.
In Frankreich zeigt sich, dass Nachtzüge auch schon auf Verbindungen sehr gut angenommen werden, die mit einem Hochgeschwindigkeitszug »nur« rund 4 Stunden dauern, wie beispielsweise Paris-Toulouse (2019: 119.000 Fahrgäste), oder Paris-Toulon auf der Strecke Paris-Marseille-Nizza.
Der Nachtzug Paris-Nizza, der seit Mai wieder verkehrt, ist ein großer Erfolg: Die SNCF meldete eine durchschnittliche Auslastung von 90 % seit seiner Rückkehr (was nicht verwunderlich ist, denn es war Sommer, die Leute wollten in Frankreich Urlaub machen, und der Zug ist im Vergleich zu 2017 ziemlich kurz, mit nur 7 Wagen, und außerdem gibt es immer noch eine Beschränkung der Liegewagenabteile auf 4 statt 6 Personen und 1 von 2 Sitzen in Sitzwagen wegen Covid).
Aufgrund von Wartungsarbeiten an den Gleisen und der sehr schlechten Organisation der SNCF wird Paris-Nizza in diesem Herbst nur an durchschnittlich der Hälfte der Tage fahren (wie üblich ohne vorherige öffentliche Bekanntgabe der existierenden Abfahrtstage).
Ab dem Fahrplanwechsel im Dezember 2021 wird es zusätzlich zur neuen Linie Paris-München-Wien der ÖBB einen neuen Nachtzug von Paris nach Tarbes und Lourdes geben, der im Juli und August auch weiter nach Pau, Dax, Biarritz, Hendaye und Irún fahren wird. Vertreter des betroffenen Départements 64 Pyrenées-Atlantiques setzen sich dafür ein, dass ihre Städte ganzjährig (wieder) eine Nachtzugverbindung mit Paris bekommen.
Bei dieser Gelegenheit wird der Nachtzugverkehr in den Südwesten Frankreichs umorganisiert – etwas, was »Oui au train de nuit« seit Jahren fordert, weil der Zug Paris-Toulouse-Perpignan in Toulouse zu früh und in Perpignan zu spät ankommt. Zukünftig sollen zwei Züge verkehren:
– Ein Zug verlässt Paris und teilt sich in Brive in zwei Züge, von denen einer nach Toulouse und der andere nach Rodez (an den Wochenenden nach Albi) verkehrt. Aufgrund von Bauarbeiten auf der Strecke wird er die meiste Zeit über Bordeaux umgeleitet, und die Kursgruppe nach Rodez wird an einen Tageszug angehängt, wie es heute schon der Fall ist.
– Ein zweiter Zug wird die längeren Strecken bedienen, mit drei Kursgruppen nach Portbou (mit Halt in Carcassonne, Narbonne, Perpignan…), nach Latour-de-Carol und nach Lourdes (Halt in Tarbes, und im Sommer verlängert bis Irún). Die Zugteilung findet bei einem Betriebshalt in Toulouse statt, da ein Ausstieg in Toulouse nur für den anderen Zug vorgesehen ist.
Dadurch werden die Fahrpläne für Toulouse (Ankunft um 7 Uhr statt um 6 Uhr) und für die Kursgruppen nach Perpignan und Latour-de-Carol verbessert.
In Schweden hat man erkannt, dass man den öffentlichen Nah- und Fernverkehr ausbauen muss, denn den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Zugreisen fast verdoppelt. Immer mehr Menschen wollen mit der Bahn fahren, sowohl im Alltag als auch im Urlaub:
Einige der Maßnahmen:
– Die Trassengebühren werden gesenkt, um die durch die Covid-19-Pandemie getroffenen Bahnunternehmen zu entlasten.
– Ein nationales Fahrscheinsystem für alle öffentlichen Verkehrsmittel in ganz Schweden wird eingeführt, um das Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln im ganzen Land zu vereinfachen. Man lernt also von der Schweiz …
– Für den Nachtzugverkehr von und nach Obernorrland und Jämtland werden ab 2024 zusätzliche Mittel für Leistungsvereinbarungen bereitgestellt, um den Nachtzugverkehr weiterhin zu finanzieren, und der Darlehensrahmen der schwedischen Verkehrsverwaltung wird erhöht, um Investitionen in neue Lokomotiven und Wagen zu ermöglichen.
Trassengebühren runter, ein Fahrschein für alle Öffis und bestellte Verkehre für Nachtzüge … zur Nachahmung empfohlen!
In diesem Sinne verbleibe ich mit herzlichen Grüßen aus Hamburg
Joachim Holstein

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