Bahnhof-Altona am Friedhof

Warum niemand die Verlegung des Fern- und Regionalbahnhofs Altona benötigt

prellbockBürgermeister Olaf Scholz und Bahnchef Grube sind sich einig, der Altonaer Bahnhof soll weg. Bis 2023. Ein Sterben auf Raten. Schon jetzt, beim Umbau des Eingangsbereichs zur S-Bahn am Bahnhof Altona wird uns vorgeführt, was wir dann zu erwarten hätten: Seit 2 Jahren läuft dieser Umbau sehr schleppend und zeitweise hat man das Gefühl, es tut sich hier gar nichts. Die Bahn will zur Erhöhung ihrer Mieteinnahmen neue Ladenflächen schaffen, die keiner benötigt. Die Durchgänge werden unübersichtlicher und wohl auch schmaler. Fertig sollte das Ganze schon Ende letzten Jahres sein. Jetzt ist von einer Eröffnung Mitte 2016 die Rede. Für die SBahn-KundInnen und die PendlerInnen bedeutet dies seit zwei Jahren: erheblich längere, unübersichtliche Wege, dunkle finstere Gänge und Belästigungen durch die Bauarbeiten.

Sowohl die AnwohnerInnen als auch die PendlerInnen wurden zu der Bahnhofsverlegung vom heutigen zentralen Standort im Kerngebiet Altona in die Einöde am Diebsteich weder gefragt, noch ausreichend informiert. Aber das hat in Hamburg Tradition! Hamburg zahlt der Bahn für die Freimachung der Grundstücke, die die damalige Stadt Altona vor 150 Jahren der Bahn kostenlos überlassen hatte, noch 39 Mio. EUR von unseren Steuergeldern. Allein das ist schon ein Skandal!

Die Kosten für die Bahnhofsverlegung und ein neues Bahnhofsgebäude in Diebsteich werden derzeit von der Bahn mit 380 Mio. EUR beziffert. Dazu kommen Investitionen für die Straßenanbindung des Bahnhofs, die Schaffung von Parkplätzen und die Erschließung des Bahnhofs-Umfeldes für bisher geschätzte 200 Mio. EUR, die von der Stadt zu tragen sind. Nach den bisherigen Erfahrungen bei Großprojekten der Deutschen Bahn – erinnert sei an Stuttgart 21 – explodieren die Kosten nachträglich erheblich. Eine Verdoppelung der Gesamtkosten des Projektes auf bis zu 1 Mrd. EUR dürfte wahrscheinlich sein. 1 Mrd. EUR für ein Projekt, das keiner braucht, dass den Fahrgästen nichts nutzt, den Einzelhändlern und Kneipen am jetzigen Bahnhof schadet. Mit diesem Geld, könnte man wesentlich sinnvollere Vorhaben im Sinne der Fahrgäste von Bahn und Bus finanzieren, zum Beispiel die dringend erforderliche Erweiterung des Hamburger Hauptbahnhofs oder den Bau einer modernen Straßenbahn. Der Standort Diebsteich ist als Ersatz in jeder Hinsicht denkbar ungeeignet. In fußläufiger Entfernung des neuen Bahnhofs wohnen nur sehr wenige Bürgerinnen und Bürger Altonas. Auf der Westseite wird der geplante Bahnhof durch einen Friedhof begrenzt; dort lässt sich kein Bahnhofsumfeld schaffen. Auf der Ostseite befindet sich Kleingewerbe, welches verlagert werden müsste. Das wäre das Ende für die meisten dieser Betriebe und der dortigen Arbeitsplätze.

Der neue Bahnhof ist außerdem völlig unzureichend an das Hamburger Busnetz angeschlossen. Eine Verlagerung des Altonaer Bus-bahnhofs scheidet aus Platzgründen aus. Die Konsequenz ist:

  • die Fahrgäste der Busverbindungen in das Alte Land würden den Anschluss an das Fernbahnnetz verlieren
  • die Pendlerinnen und Pendler aus dem Hamburger Norden/Nordwesten, die bei Airbus in Finkenwerder arbeiten, müssten einmal zusätzlich umsteigen.

Gleiches gilt für die S-Bahn. Der S-Bahnhof Altona soll zwar bestehen und damit auch ein Teil der Bahnanlagen bleiben. Aber die Bürgerinnen und Bürger des Hamburger Westens verlieren ihren Anschluss an das Fernbahnnetz, da es keine S-Bahnverbindung aus den westlichen Stadtteilen direkt an den neuen Bahnhof in Diebsteich geben wird. Sie fahren weiter bis zum Hauptbahnhof und sorgen dort für noch mehr Gedränge auf den Bahnsteigen des bereits völlig überlasteten Bahnhofs. Und in Altona werden dann Menschen, die umsteigen, kein Reisebedarf mehr kaufen.

Bürgermeister Scholz argumentiert: Die Verlegung des Bahnhofs ist Voraussetzung, um das Wohnungsprojekt „Neue Mitte Altona“ zu realisieren. Das ist Volksverdummung. Hier werden die Interessen der Pendlerinnen und Pendler gegen die der Wohnungssuchenden ausgespielt. Fakt ist: Der erste Bauabschnitt der „Neuen Mitte Altona“ kann und wird derzeit ohne Verlegung des Bahnhofs realisiert. Auch der zweite Bauabschnitt könnte bei intelligenter Neuordnung der Bahnanlagen am gegenwärtigen Standort fast vollständig umgesetzt werden. Dazu müssten nur die zwei Fernbahngleise parallel zu den S-Bahn-Gleisen verlegt und die Abstellgleise, die Betankungsanlage und der alte Wasserturm abgerissen werden.

Letztendlich ist die Verlagerung des Fern- und Regionalbahnhofs Altona Ausdruck einer bürgerfeindlichen Politik. Der Stadtteil Altona-Ottensen erfreut sich steigender Beliebtheit, viele Bürgerinnen und Bürger wollen hier herziehen. Massiv werden neue Wohnungen gebaut. Das Auto soll weniger benutzt werden und der Fahrradanteil am Gesamtverkehrsaufkommen auf 25% steigen. Alles sehr löblich, aber gleichzeitig nimmt man den Altonaerinnen und Altonaern ihren Regional- und Fernverkehrsanschluss, dadurch würden viele wieder auf das Auto umsteigen.

Gegen diese bürgerfeindliche Politik regt sich Widerstand. Besorgte Bürgerinnen und Bürger Altonas haben daher die Bürgerinitiative „Prellbock Altona – Unser Bahnhof bleibt, wo er ist!“ gegründet.

M. Jung, Mitglied der Bürgerinitiative

Die Bürgerinitiative trifft sich regelmäßig jeden 4. Mittwoch im Monat um 18.00 Uhr im Bezirksbüro der LINKEN, Am Felde 2

(Dieser Artikel ist in den Altonaer Linke Nachrichten (ALiNa Nr. 8) erschienen)

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