Prellbock am 04.12.2017 in Stuttgart 21

Eindrücke von einer Protestkundgebung der Initiativen zu Stuttgart 21
am 4.12.2017 zu der ich als Sprecher der Bürgerinitiative „Pellbock-Altona“  als Kundgebungsredner eingeladen wurde.
Routiniert werden Podium, Licht- und Lautsprecheranlagen aufgebaut, der Stromgenerator angeworfen, Absperrgitter werden gesetzt. Ein großer Platz, nicht zu groß für eine Routinekundgebung, der 393. Montags-Demonstration, seit Beginn der Protest im Jahr 1997? Ich habe Befürchtungen vor einem leeren Platz sprechen zu müssen, haben doch viele nach den riesigen Demonstrationen mit mehreren hunderttausend Teilnehmern in den Jahren 2010 folgende die Protestbewegung schon für tot erklärt. Sieht man die gigantischen Baugruben und Eingänge für die Tunnelröhren, die nahezu das gesamte Stuttgarter Stadtgebiet zieren, dann könnte man meinen, Bahn und Stadt kommen mit ihrem Projekt gut voran.
Aber weit gefehlt. Nach langem Rumgedruckse konnte die DB AG nicht mehr vermeiden die jüngste Kostensteigerung um EUR 1,1 Mrd.€  auf nunmehr EUR 7,6 Mrd€  sowie eine weitere Verspätung der Inbetriebnahme des Projektes auf 2024 bekanntzugeben. Das hatten Experten schon lange vorausgesagt. Und die Bürgerinitiativen rechnen mit weiteren Kostensteigerungen bis auf EUR 10 Mrd.€  und einer Inbetriebnahme nicht vor 2025/26.
Mir wurde erklärt, das ist immer so, pünktlich um 18.00 Uhr fülle sich der Platz. Ich habe noch immer Zweifel, weil um 17.55 noch immer nicht mehr als rund hundert Leute sich auf dem Platz aufhalten. Und dann begann noch ein leichter Nieselregen. Alles andere als gute Rahmenbedingungen für eine kraftvolle Kundgebung. Aber plötzlich strömt es, langsam aber sicher füllt sich der Platz mit Leuten, Plakaten und Transparenten und am Ende der Anmoderation sind rund 2.000 Protestierende auf dem Platz versammelt.
Alt und Jung, manchen sind graue Haare über die langen Jahre des Protestes gewachsen, aus allen Bevölkerungsschichten und besonders unterstützt von Kulturschaffenden. Die Kundgebung wird mit Protestliedern eröffnet. Dann spricht Hannes Rockenbauch, Mitglied der Fraktion SÖS-Linke-Plus im Stuttgarter Gemeinderat. Er erzählt die unsägliche Geschichte der S21 Kostensteigerungen und wie sich die Mitglieder aller anderen Fraktionen des Gemeinderates, insbesondere der Grünen, die in Stuttgart den Oberbürgermeister stellen, winden, um dem Projekt noch etwas Positives abzugewinnen und ihren Wählern die Kostensteigerungen, die auch auf die Stadt Stuttgart zukommen, schmackhaft zu machen. Dies gelingt bei der dritten Kostenerhöhungswelle immer schwieriger. Ferner stellt er da, wie die Wähler bei dem Volksentscheid in 2012 mit dem Argument „keine weiteren Kostenübernahmen durch Stadt und Land getäuscht wurden. Nach einer weiteren Musikeinlage darf ich dann sprechen. Man merkt ein fachkundiges Publikum hört zu, als ich die Parallelen in der Begründungsstruktur, Projektabwicklung, den handelnden Akteuren, das Verhalten von DB AG und Politik darlege. Gellende Pfeifkonzerte ertönen als ich beschreibe, dass es überhaupt keine transparente Kostendarstellung für das Projekt Verlagerung des Bahnhofs Altona gibt (Rede nachfolgend abgedruckt). Nach Schluss der Kundgebung umringen mich zahlreiche, jetzt in Stuttgart lebende Hamburger, und bekunden ihren Unmut über das völlig unsinnige Projekt.
Anschließend gibt es angeführt von einer richtig Stimmung machenden Blaskapelle eine Demonstration durch die weihnachtliche Fußgängerzone zum Hauptbahnhof. Dort wird eine der wichtigsten Stuttgarter Durchgangstraßen kurzfristig durch eine Sitzblockade gesperrt. Autofahrer im Feierabendstress hupen wie wild, aber die Polizei hält sich auffallend zurück, nur drei ältere Polizeibeamte versuchen einen wildgewordenen Autofahrer am völligen Ausrasten zu hindern. Ich komme nach Schluss der Kundgebung mit einigen Demonstrationsteilnehmern ins Gespräch und erfahre, dass einige seit 20, sage und schreibe 20 Jahren in dieser Protestbewegung engagiert sind und mit Zuversicht die neue Alternative „Umstieg21“ der Bürgerinitiativen vorstellen. Diese sieht vor, den Kopfbahnhof zu belassen, zu modernisieren, die riesige Baugrube vor den Bahnsteigen als Busbahnhof und Parkhaus zu nutzen, die Tunnel der Schnellfahrstrecke nach Ulm fertigzustellen, und die nicht mehr benötigten Gleisflächen für den Wohnungsbau freizugeben. Diese Projektvariante soll 3-4,5 Mrd. EUR billiger sein, als die Fertigstellung des völlig vermurksten  Projektes S21.
Oben bleiben, Umstieg 21 sind die jetzigen Parolen der Initiativen.
Michael Jung-06.12.2017-
Hier kann die Rede in Stuttgart nachgelesen werden……Rede-von-Michael-Jung

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